Keine Münzen, kein Warten aufs Wechselgeld – smarte Bezahlsysteme sollen in Taiwans Städten Zeit sparen und den Alltag praktischer machen. Klaus Bardenhagen hat einen Tag lang ausprobiert, wie Besucher in Taipeh mit der EasyCard zurechtkommen können.

Warum es in Taiwan so oft piept

„Piep“ gehört seit mehr als 10 Jahren zum Sound meines Lebens in Taipeh dazu. „Piep“ macht es jeden Tag, wenn ich eine U-Bahn-Station betrete oder verlasse, und wenn ich eine Busfahrt zahle. Es ist das Geräusch des bargeldlosen Bezahlens – die Bestätigung, dass ein Lesegerät nach Sekundenbruchteilen meine darüber gehaltene Karte erkannt und den Betrag abgebucht hat.

Dieses besondere „Piep“ habe ich so oft gehört, ich es könnte es sofort nachmachen, wenn ich um drei Uhr Nachts aus dem Schlaf gerissen würde. Oft frage ich mich allerdings, wie jemand die Insel erlebt, der zum ersten Mal hierher kommt. Der Spaß, sich in einem neuen Land zurechtzufinden, wird ja manchmal getrübt durch Verwirrung mit einer fremden Währung und einer unbekannten Infrastruktur – sei es beim Ticketkauf oder beim Zahlen im Restaurant. Bargeldlose Smartcards erleichtern in Taiwan genau solche Vorgänge. Seit vielen Jahren haben sie sich im Alltag bewährt und sind für Einheimische zur Selbstverständlichkeit geworden – aber auch Touristen können sie das Leben leichter machen.

Mit der EasyCard hatte 2002 in Taipeh alles angefangen, damals, um den Zugang zur neuen U-Bahn zu erleichtern. Inzwischen kann die EasyCard viel mehr. Stadtregierung, MRT, Busanbieter und Banken sind an dem Unternehmen beteiligt. Aktuell im Gebrauch sind knapp 11 Millionen EasyCards, andere Smartcard-Anbieter kommen zusammen auf vier Millionen – nicht schlecht bei 23 Millionen Taiwanern.

Wie leicht ist es für Taiwan-Neulinge, eine Karte zu kaufen und damit über die Runden zu kommen? Ich will den Test machen und einen Tag lang bargeldlos in Taiwans Hauptstadt unterwegs sein.

Viel Auswahl beim Kartenkauf

Schritt Eins: Ich brauche eine neue Karte. Das ist nicht schwer. Man bekommt sie in jedem Covenience Store. 7-Eleven, Family Mark, HiLife und OK Mart finden sich in Taiwan an fast jeder Straßenecke, und für Neuankömmlinge auch am Flughafen.

Eine Karte ohne Guthaben kostet 100 NT$, also weniger als drei Euro. Überrascht bin ich von der Auswahl, die gewachsen ist, seit ich 2008 meine erste EasyCard erwarb: Die Designs reichen von Bubble Tea bis „Hello Kitty“. Für einen kleinen Aufpreis gibt es Karten in Schlüsselanhänger-Form. Und: Die EasyCards sind nicht mehr alleine. iPASS, icash und HappyCash heißen neue Anbieter, die fast überall mit den gleichen Lesegeräten funktionieren.

icash setzt auf der EasyCard auf und gehört zum selben Konzern wie 7-Eleven. Die Verkäuferin dort hält mich aber für einen Touristen und warnt: „Die funktioniert nicht im Zoo und in der Maokong-Seilbahn.“ Auch bei mehr als 90 Prozent Kompatibilität gibt es also noch Unterschiede. Für meinen Feldversuch bleibe ich beim Marktführer und gehe zur nächsten MRT. Jede Station hat einen Infoschalter, und auch dort gibt es EasyCards für 100 NT$. Der Kauf geht schnell, ohne Papierkram und ist anonym. Das englische Faltblatt, das ich mit der Karte bekomme, weist mich zwar auf die Möglichkeit hin, meine Karte online zu registrieren, damit ich bei Verlust abgesichert wäre. Aber das ist freiwillig. Wer keine personalisierten Daten hinterlassen will, muss das nicht.

Weil meine neue Karte bei Null steht, schiebe ich der netten MRT-Dame noch einen 1000-NT$-Schein unter der Scheibe durch. Nun trage ich knapp 30 digitalisierte Euro mit mir herum. Ich könnte auch in jedem Convenience Store am Schalter Guthaben einzahlen – maximal 10.000 NT$, damit es nicht allzu sehr schmerzt, sollte die Karte mal verloren gehen. Beim Bezahlen liegt der Höchstbetrag aus Sicherheitsgründen bei 1000 NT$ pro Kauf und 3000 NT$ pro Tag. Im Schnitt trägt jeder Nutzer auf seiner EasyCard etwa 600 NT$ mit sich herum.

Im Nahverkehr ist der Nutzen der Smartcards besonders groß. In Taiwans U-Bahnen und Stadtbussen sind die Lesegeräte so gut wie flächendeckend im Einsatz. Auch für die meisten Züge (außer beim Hochgeschwindigkeitszug und einigen Expressverbindungen) spart ein Wink mit der Karte – wenn man keine Sitzplatzreservierung benötigt – das Anstehen am Schalter oder Automaten.

Ab in die U-Bahn

Da ich schon in der MRT-Station bin, entscheide ich mich für die U-Bahn, um zu meinem ersten Ziel zu kommen. „Piep“ macht es, und die Sperre öffnet sich. Vom Hauptbahnhof fahre ich bis Xingtian Temple, neun Minuten mit einmal Umsteigen. Beim Verlassen der Station macht es wieder „Piep“, und meine Karte ist um 16 NT$ erleichtert. Und schon habe ich gespart, denn der reguläre Fahrpreis beträgt 20 NT$. Kartenzahlung macht jede MRT-Fahrt automatisch 20 Prozent günstiger.

Im Jahr 2018 haben Taiwaner mehr als 2,4 Milliarden mal per EasyCard bezahlt. Statistisch heißt das: Pro Woche und Person zweimal „Piep“. Oder: 76-mal pro Sekunde. Der durchschnittliche Bezahlvorgang hatte einen Wert von 26 NT$.

Der Xingtian-Tempel ist sehenswert, doch mein eigentliches Ziel ist ein Park in der Nähe. Ich kaufe mir im nächsten Convenience Store eine Flasche Wasser, die ich natürlich per Karte zahle. Dann steige ich in den Bus um und fahre noch eine Station. Früher musste ich beim Fahrer abgezählte Münzen in eine Plexiglasbox werfen.

Inzwischen sind alle Busse in Taipeh mit Kartenlesern ausgestattet, die von Acer ITS entwickelt wurden. Sie erfassen meine Karte genauso schnell wie die Geräte in der MRT. Und wieder spare ich: Weil das System erkennt, dass ich vor weniger als 30 Minuten noch in der MRT war, zahle ich als Umsteiger nur 7 statt 15 NT$. Nebenbei sammeln die Kartenleser wertvolle Daten, etwa: Zu welcher Uhrzeit und an welchen Stationen steigen besonders viele Fahrgäste aus oder ein? Damit können die Betreiber besser entscheiden, wo sie zusätzliche Busse auf die Straße schicken.

 

Ein Leergut-Automat mit Kartenleser

Ich steige aus. Es ist heiß, und meine Wasserflasche ist schnell leer. Zum Glück steht in der Nähe der Prototyp eines Automaten, der Recycling belohnt: iTrash heißt das System. Wer Plastikflaschen oder Dosen abgibt, erhält Gutschriften direkt auf die EasyCard. Obwohl es in Taiwan kein Einwegpfand gibt, sollen so noch mehr Menschen zum Recycling ermutigt werden. Der iTrash-Automat sieht den Leergutmaschinen aus deutschen Supermärkten ähnlich und scannt ebenfalls Strichcodes, um festzustellen, womit er gefüttert wird. Direkt nach mir kommt ein Taiwaner mit einer leeren Flasche vorbeigeradelt. Die Maschine liegt günstig auf seinem Weg, erzählt er mir. Zwar gibt es für zehn Flaschen oder acht Dosen nur einen NT$, aber das System ist ja nur der Anfang und speichert außerdem den Zwischenstand ab, bis genügend Einwürfe zusammenkommen.

Auf meinem Rückweg fallen mir die Säulen an einem öffentlichen Parkplatz unter einer Hochstraße auf. Ich sehe: Auch hier können Zahlung, Ein- und Ausfahrt mit EasyCard & Co. erledigt werden.

Ich selbst habe kein Auto und brauche es in Taipeh auch nicht – der öffentliche Nahverkehr ist zu gut. Wenn ich aber einen Wagen hätte, würde ich ein weiteres Pilotprojekt austesten: Acer ITS hat ein System fürs intelligente Management von Parkraum entwickelt. An einigen Straßen in Taipeh, und in der Stadt Tainan sogar mehrere Tausend mal, steht neben jeder Parklücke eine Säule – etwa so wie früher eine Parkuhr. Diese Smart Parking Meters aber sind vernetzt und voller Sensoren. Als weltweit erstes „Roadside Parking Management System“ erfassen sie in Echtzeit, ob der Platz belegt ist oder nicht, und verknüpfen das mit weiteren Daten.

Autofahrer auf Parkplatzsuche wissen so dank der PKLOT-App stets, wo die nächste freie Lücke auf sie wartet, und müssen nicht endlos um den Block kreisen. Das System passt die Preise je nach Verkehrslage an, damit zu Stoßzeiten weniger Wagen in verstopfte Bezirke fahren. Bezahlt wird automatisch per Kennzeichenerfassung – oder per Karte direkt am Smart Parking Meter.

Satt werden ohne Bargeld

Es ist Mittagszeit, also suche ich ein Restaurant. Ergebnis meiner Stichprobe: Die Ketten Sushi Express und Barista Coffee akzeptieren nur klassische Kreditkarten, doch bei Subway, My Warm Day oder TKK Fried Chicken werde ich auch mit EasyCard satt. Ich entscheide mich für Lousia Coffee, einen explosionsartig gewachsenen Starbucks-Konkurrenten, der angenehmes Ambiente und günstige Preise verbindet. 120 NT$ werden abgebucht, und ich freue mich über ein heißes Panini und einen Macha-Kaffee.

Einfach ein Fahrrad leihen

Der Magen ist nun voll, aber ich frage mich: Leisten sich nur große Ketten die Kartenleser, oder können Taiwan-Besucher auch bei lokalen Händlern bargeldlos bezahlen? Ich habe von einem Markt gehört, den ich mir anschauen will. Bei dem schönen Wetter möchte ich per Rad dorthin, statt MRT oder Bus zu nehmen. Zum Glück ist Taipeh nicht nur flächendeckend mit Convenience Stores überzogen, auch bis zur nächsten der mehr als 400 YouBike-Stationen muss man nie allzu weit laufen. Seit 2009 sorgen die orangefarbenen Leihfahrräder dafür, dass man in Taipeh noch einfacher von A nach B kommt, wenn die Strecke zu weit zum Laufen ist.

Wer ein Rad entriegeln und losfahren will, muss sich einmalig als Nutzer registrieren. Das kostet nichts und geht am einfachsten per EasyCard oder vergleichbarer Karte an einem der Touchscreen-Terminals, die an jeder Station stehen. Nötig ist allerdings eine taiwanesische Handynummer, denn der Bestätigungscode kommt per SMS. Wird so die Karte mit einer Handynummer verknüpft, sind alle weiteren Bezahlvorgänge natürlich nicht mehr anonym – wem das wichtig ist, der kann sich eine Zweitkarte zulegen. Es piept mal wieder: Ich entriegele ein YouBike und fahre los.

An der Leihstation neben der MRT-Station Yuanshan schiebe ich das Rad in eine freie Halterung und halte wieder meine Karte an den Sensor. Weil ich weniger als eine halbe Stunde unterwegs war, kostet die Fahrt mich 5 NT$, also keine 15 Eurocent. Subventioniert hat sie die Stadtregierung von Taipeh mit weiteren 5 NT$.

 

Besuch auf dem Bauernmarkt

Neben dem ehemaligen Fußballstadion drängen sich Menschen zwischen Dutzenden Ständen. Jedes Wochenende findet hier ein Bauernmarkt statt. Es gibt Bio-Reis, Gemüse und Obst, Tarokuchen und Ziegenmilch-Eiscreme. An jedem Stand sehe ich das EasyCard-Logo. Ich entscheide mich für eine kalte Zitronenlimo und zahle per Karte 35 NT$, also einen Euro. Etwa jeder Dritte ihrer Kunden bezahle so, verrät mir die Chefin. „Vor allem Schüler, Radfahrer, aber auch Hausfrauen. Die tragen alle nicht gerne viel Bargeld herum.“ Den Kartenleser musste sie nicht kaufen, sondern mietet ihn für 50 NT$ pro Tag von Taipehs Bauernverband, der den Markt veranstaltet. Auch mehr und mehr kleine Händler bieten also die einfache Zahlung an.

Fazit

Am Ende dieses Tages, der mich kreuz und quer durch Taipeh führt, bin ich nicht nur satt – auf meiner neuen Karte sind auch noch ein paar Hundert NT$ Restguthaben. Falls ich Taiwan nun verlassen würde, könnte ich mir das Restguthaben am Schalter in jeder MRT-Station auszahlen lassen. Die 100 NT$ Kaufpreis für die Karte gibt es allerdings nicht zurück. Wer plant, früher oder später wieder nach Taiwan zu kommen, kann die Karte auch einfach behalten – das Guthaben verfällt nicht. Ich entscheide mich, die Karte weiter zu benutzen. Mit jedem „Piep“ erinnert sie mich daran, wie einfach in Taiwan moderne und innovative Lösungen funktionieren können.

Autor: Klaus Bardenhagen

Reporter aus Taiwan, Taipeh

https://www.taiwanreporter.de/

Teile diesen Beitrag